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  IMITATING THE MONUMENTAL   2005  AM SCHWARZEN MEER
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Blicke aufs Meer:
Text: Rebecca Schönsee
Charged present
„Himmel und Meer, voneinander untrennbar, gewähren den weitesten Blick; soweit ihre ungeheure Einheit reicht, ist nichts einfacher, scheinbar freier, veränderlicher als sie; dabei nichts so stet, nichts so sichtlich an den gleichen Wechsel von Stille und Sturm, von Trübe und Helle gebunden. […] Ich für meinen Teil deute mir diesen ganzen Zauber des Meers so: daß es meinen Augen unablässig Möglichkeiten zeigt. […]“. Einen Zauber der Meereszeichen, wie ihn Paul Valéry wiederholt beschreibt, enthüllt das Künstlerpaar in ihrer Arbeit: „Imitating the Monumental“ mittels einer Verhüllungsaktion, die temporär im Angesicht des Meeres stattfand und durch die vorliegenden Fotos dokumentiert ist.Sie wirft dabei einen doppelten Blick auf den Ort der Aktion, die in der Nähe von Balchik am Schwarzen Meer in Bulgarien stattfand. Es ist ein transformierter Blick auf die dort aufgestellten sozialistischen Denkmäler. Zum Einen wird er gespeist von der geschichtlichen Dimensionen des schon vor dem 5. Jahrhundert vor Christus von den Griechen besiedelten Ortes. Zahlreiche andauernde Ausgrabungen, archäologische Funde und Relikte erzeugen als Zeitspeicher eine Aura, die in die vorliegende Serie ortspezifisch einfließt. Zm Anderen entkoppelt sich das Werk von seiner Ortsbezogenheit in seiner Dokumentation durch das Foto. Es ist ein zeitenhobener „weitester Blick“, den die Skulptur durch das Foto auf den Betrachter wirft. Über die Vermittlung von Geschichte werden „Himmel und Meer“ verbunden.
Dieser Schaffens- beziehungsweise Verbindungsprozessdurchlief drei Phasen: Nach einer ersten experimentellen Annährung des eigenen Körpers an die Gesten der Monumente vor Ort, wurde das so kreierte Bewegungsmaterial auf die am Meer allgegenwärtigen Wellenbrechern exponiert.Die Wellenbrecher funktionieren als Sockel und werden zum Verbindungsglied einer aufsteigenden Formenentwicklung vom Erdraum zum Himmelsraum. Die Bewegung wurde in einem dritten Schritt von einem Sepia-Seidentuch verhüllt und im Foto festgehalten.          

In der Verhüllung erhält die Gebärde des Körpers einen neuen Ausdruck, wird zu einem Volumen abstrahiert. Das Zusammenspiel von Wind, Tuch und Körper schreibt der Skulptur eine sich wandelnde Signatur ein, die erst durch das Foto veräußert und fixiert wird.

In diesem Spiel des Zufalls, den Meeresbrise, „Schleiertanz“ und letztlich die Fotoapparatur kreieren, gewinnen die großen Abwesenden in dieser Fotoserie ihre Präsenz: Zunächst das Meer, welches zum Teilschöpfer der im Foto fixierten Skulptur wird. Auch hier mag man sich an Paul Valérys Meerwahrnehmung erinnern:
„[…] L’action de la mer est versatile. Celle des intempériers et de la pesanteur ne l’est pas. L’une roule et charrie. Les autres cinglent ou rompent, ou désagrégent.” Die Schwerkraft des Körpers wird von der im Sockel wie in der Sandfarbe repräsentierten Meereskulisse eingefangen und geformt.
Die andere “versatile” Absenz ist die Unendlichkeit des bewölkten Himmels, der sich gegen die verhüllte Gestalt zu stellen scheint und das neu gewonnene Monument zugleich „weiß überschleiert“.

Der Betrachter findet sich einer „présent chargé“ gegenüber, wie sie Paul Valéry in der letzten Strophe seines Meer-Gedichts formuliert:
Denn:
Tout marque, sonne, le moindre changement,
événement – sur le présent chargé issu du sommeil
Plein de résonances, d’éclairs, d’attentes
Endormi aux trois quarts et le reste de l’être, une pointe vibrante.
Ondes fines trés intenses, mais très étroites.
”Es sind eben jene Wellen des Absenten im Bild, die in die Präsenz der ästhetischen Wahrnehmung einfließen.

Das erschaute Verlorene„Himmel und Meer voneinander untrennbar“, gewähren über die Vermittlung der verhüllten Gestalt den „weitesten Blick“ auf die Spur des absenten Monuments – so dass das „erschaute Verlorene“ zum eigentlichen Thema der Arbeit wird; es wird zur „Schliere“ im Portrait der Skulptur, als welche diese Fotos funktionieren, und gleichzeitig zur „Schliere“ im Auge des Betrachters, vergleichbar vielleicht mit jenem Eindruck, den  Paul Celan in seinem „Schliere“ (Aus: Sprachgitter, (S. Fischer, Frankfurt a.M. 1959). Gedicht festhält:
Schliere im Aug:
Von den Blicken auf  halbem
Weg erschautes Verloren.
Wirklichgesponnenes Niemals,
wiedergekehrt.

Cynthia Schwertsik & Red White entwerfen in ihrer Auseinandersetzung mit dem Wiederkehrenden eine Ästhetik der Ambivalenz, in dem das Verlorene auch gleichzeitig das Geborene darstellt, das Verschleierte entschleiert wird, „revealing by concealing“ (um den Titel eine Arbeit Christos zu zitieren).
Denn die dreifache Verschleierung: Der über den Körper fallende Schleier, der Körper, der in seiner mimetischen Annährung an das Denkmal dieses verhüllend umfängt und das Foto, das die einstige Ansicht verschleiert, ließe sich jeweils als Entschleierung eines Anderen und als Geburt begreifen:
Als Geburt einer abstrakten organischen Form, in der zugleich eine Ambivalenz des Geschlechtlichen ausgedrückt wird. Die Differenz zwischen dem verwendeten femininen Material (Seide) und seinem fast maskulinen steinernen Ausdruck in der vorliegenden Serie unterstreicht dies. Es ist kein beschwingter leichter Tanz, kein „Himmel voll Seide“ (Paul Valéry) wie es die dennoch vergleichbaren Skulpturen Pierre Roches zur Tänzerin Loie Fuller (1900) evozieren, sondern ein „Schleiertanz“ vor dem Hintergrund des statischen Monuments; ein Paradoxon eigentlich, in dem Stasis zur Vorlage für eine Kinesis wird, die letztlich statisch dokumentiert ist. Im Ergebnis trägt das neugeborene Monument sowohl weibliche als auch männliche Formen in sich. Die maskuline Symbolform einer aufsteigenden Spiralbewegung, die dem unendlichen Raum des Himmels entgegenstrebt, wird in sich weich geborchen und zudem von den Wolken „weiblich“ überschleiert. Es sind:

Wege, halb – und die längsten.
Seelenbeschrittene Fäden,
Glasspur,
rückwärtsgerolltund nun
vom Augen-Du auf dem steten
Stern über dir
Weiß überschleiert.

In Bezug auf das imitierte Monument initiiert die Verschleierung eine Metamorphose. Der Stein wird durch Körper und Tuch dematerialisiert. Eine Gebärde wird geboren. Auch hier wird nochmals die Ambivalenz von Schwere und Leichtigkeit aufgegriffen, „sculptural-photografic language“ (Geraldine Johnson: Sculpture and Photography. Envisioning the third dimension. Cambridge, N.Y. 1998) zu einem Zustand des Übergangs von fester in flüssige Form rematerialisert wird. Das nun dargestellte Material bleibt unbenannt und unnennbar. Es wird zu einer Schöpfung im Moment der ästhetischen Anschauung durch den Betrachter.

Ein durchs Dunkle getragenes Zeichen
Das Foto schließlich, als einziges Zeugnis und damit Medium zur Betrachtung der einstigen Aktion, wird zum Geheimnisträger des Schöpfungsaktes. Es ist Porträt eines verschleierten Moments, Relikt der temporären Skulptur. Es kreiert eine „visual memory“, die zugleich die Denkmalrelikte des spezifischen Ortes transportiert und enttemporalisiert. Die durch das Zusammenspiel von Wind, Schleier und Körper im Flux geborene Gestalt, erhält erst durch das Foto seinen Rahmen, so dass das Foto schließlich selbst (analog zum Wellenbrecher) zum Sockel des Werkes wird. Das Foto gebiert ein in ein anderes Sein geworfenes Gesicht, wird so zum Signifikant einer Figur, deren Grund in die Vergangenheit gerückt ist, zu einer Art Zeit-Relief  – Unter dem Schleier liegt eine Spur, die Geheimnis bleibt.
Der Akt des „Hinter den Schleiertretens“ wird so in den Raum ästhetischer Anschauung verlegt. „Imitating the monumental“ ist schließlich die Schliere im Auge des Betrachters, die den Schleier aufnimmt und zerreißt:
Schliere im Aug:
dass bewahrt sei
ein durchs Dunkle getragenes Zeichen,
vom Sand (oder Eis?) einer fremden
Zeit für ein fremderes Immer
belebt und als stumm
vibrierender Mitlaut gestimmt.

 Paul Valéry. Blicke aufs Meer. In: Zur Äshtetik und Philosophie der Künste. Gesammelte Schriften Bd. 6. Hg.: J. Schmidt-Radefeldt. Insel Verlag. Frankfurt a.m: 1995. S. 501-509. Paul Valéry. Aus: Mer. II. (Die Einwirkung des Meeres ist launisch. Die des Wetters und der Schwerkraft nicht. Das Meer rollt und schiebt. Die anderen Kräfte schlagen zu, zerbrechen oder zermalmen). In: Ges. Werke Bd 1. Dichtung und Pros. Hg. Von Karl Alfred Blüher und Jürgen Schmidt-Radefeldt. Insel. 1995. S. 217 P. Valéry, a.a.O.: „Alles ist schriller Vorbote der geringesten Änderung, /Des geringsten Ereignisses – in der schwerbeladenen Gegenwart,/ die dem von Resonanzen, Blitzen und Erwartungen erfüllten Schlaf entsprang,/ Die zu drei Viertel aber noch schlummert, während der Rest meines Wesens eine vibrierende Nadelspitze ist./ Sehr heftige, doch sehr schnelle feine Wellen.“.